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Boualem Sansal, Schriftsteller der Freiheit 

Boualem Sansal © Benoît Linder pour für Poly

Das Mitglied der Académie française*, Boualem Sansal hat einen Abstecher nach Straßburg gemacht um Ende Januar die Ehrenmedaille der Stadt zu erhalten. Begegnung mit einem völlig freien Schriftsteller.

Wenn man sich mit Boualem Sansal unterhält ist es unmöglich nicht an die Verse von Prévert zu denken: „Gegen meinen Willen in der Gedankenfabrik angestellt / habe ich mich geweigert die Stechuhr zu betätigen. / Ebenfalls in der Armee der Ideen mobilisiert / bin ich desertiert.“ Der Schriftsteller hat seine Unabhängigkeit teuer bezahlt. Am 16. November 2024 festgenommen und am 12. November 2025 freigelassen, hat er fast ein Jahr in den algerischen Kerkern verbracht. Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, antwortet er mit einem Lächeln: „Ich bin angenehm überrascht, denn ich dachte dort, dass ich physisch und mental am Ende sei, aber nein. Sie haben mich nicht gekriegt.“ Er hatte für das Regime von Abdelmadjid Tebboune eine rote Linie überschritten als er gegenüber Frontières am 6. Oktober 2024 deklarierte: „Als Frankreich Algerien kolonisierte, gehörte der gesamte westliche Teil Algeriens zu Marokko: Tlemcen, Oran und sogar bis Muaskar.“  Ein Funken mit explosiver Wirkung… „Ich bereue nichts, nie. Ich war ungeschickt in einem explosiven Kontext, insbesondere da Emmanuel Macron ein wenig später die Zugehörigkeit der West-Sahara zu Marokko anerkannt hat [am 29. Oktober 2024, Anm.d.Red], was in Algerien einen nationalen Nervenzusammenbruch hervorgerufen hat. Meine Aussage war ungeschickt, das sage ich nochmal, zu einem Zeitpunkt, an dem die Regierungen miteinander in Konflikt waren, aber es ist eine Realität. Es reicht ein Geschichtsbuch zu öffnen, um dies festzustellen“, fasst er zusammen. Unser Kollege von So Foot, Christophe Gleizes, hat ein anderes Tabu verletzt, indem er Kontakt mit Personen aufnahm, die mit er MAK (Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei) in Verbindung stehen. Er ist immer noch im Gefängnis.

Algier

In Postlagernd: Algier schrieb Boualem Sansal: „Im Gefängnis sein, in Ordnung, aber den Kopf frei dazu umherzuschweifen.“ Leider erwies sich die Realität als ganz anders als die Fiktion: „Ich habe mich getäuscht. Ein alter Gefangener, der seit 38 Jahren da war, sagte mir, dass es immer gleich ist: Die fünf oder sechs ersten Monate kämpft man gegen das Gefängnis um Widerstand zu leisten, aber es arbeitet an einem, im Inneren, gegen den eigenen Willen. Es ist der Stärkere. Erst danach wird man zum Gefangenen: Man ist kein Mensch mehr, sondern eine Maschine, eine Ameise in einem Ameisenhaufen. Die Ameise stellt sich keine Fragen.“ Was den Schriftsteller vom ersten Tag an am Meisten bestürzt hat, war „keine Zeitung, kein Magazin, kein Buch lesen zu können… Es ist als ob man kein Wasser zum Trinken und kein Brot zum Essen habe. Um ein Werk aus der Bibliothek zu erhalten – wie für alles andere – muss man schreiben und den Direktor fragen, ihm beschreiben welches Buch man haben möchte und warum. Er wird dir in sechs Tagen oder sechs Jahren antworten, das kann man nicht wissen.“ Glücklicherweise ist der Knast auch das Königreich der Arrangements und er beschafft sich „Der Glöckner von Notre-Dame von Victor Hugo – ich habe es drei oder viermal gelesen – aber auch Montherlant, oder ein Buch, das auf sehr detaillierte Weise von der englischen Revolution erzählt, ein Ding für Experten. Es war nicht mein Fall, aber wenn man ein bisschen „Nahrung“ findet, wird man sie nicht loslassen.“

Boualem Sansal © Benoît Linder pour für Poly


Straßburg

In einem Gefängnis-Milieu, in dem jeder alles weiß, ist die Anwesenheit des Autors von 2084 schnell aufgeflogen. Seine Mitgefangenen haben ihn „Die Legende“ getauft, ein Spitzname, der der Titel eines kommenden Werkes von jenem sein soll, der sich als „einen Typen sieht, der die algerische Regierung allergisch macht“, aber immer noch auf die Versöhnung mit dem ehemaligen Kolonisator hofft. Viel wurde laut ihm getan – wie die Einberufung einer Erinnerungs-Kommission unter dem Vorsitz von Benjamin Stora –, aber „um voran zu kommen, muss man den Willen haben sich der Zukunft zuzuwenden… In Algerien ist die Religion nicht der Islam, es ist die Geschichte und eine Geschichte, die falsch ist, da sie sie selbst mehrfach geschrieben und umgeschrieben haben, wie in der Sowjetunion, wo einige von einem auf den anderen Tag von den Photos verschwinden… Sie sind Gefangene eines Diskurses über das kollektive Gedächtnis, der sich im Kreis dreht“ wirft er mit von Traurigkeit belegter Stimme ein. Als wir ihn treffen weiß er, auch wenn er sich nicht aufspielt, dass er „in die französische Geschichte eingehen wird“, da er einige Tage später auf den Sessel Nummer 3 der Académie française gewählt wird. Heute scheint Boualem Sansal a priori ein 100% französischer Schriftsteller zu sein, denn anhaltende Gerüchte besagen, dass ihm seine algerische Nationalität entzogen wurde, nachdem sein Pass „desaktiviert“ wurde. Und Straßburg ist eine Stadt, die ihm am Herzen liegt: „Ich gehöre zu diesen turbulenten Schriftstellern, die sagen, dass Schreiben schön ist, aber nicht ausreicht. Die Ideen, die muss man zum Leben erwecken. Warum sollte man die Politik den Politikern überlassen? Sie sind dafür die Schlechtesten [lacht]. Das Volk muss sich selbst darum kümmern und seine besten Repräsentanten sind vielleicht die Schriftsteller, in denen es sich wiedererkennt. Wir sind Vermittler“, gibt er von sich. Deswegen hat er mit seinem Freund, dem Israeli David Grossman, den „Appell von Straßburg für den Frieden(im Nahen Osten und im Rest der Welt) lanciert. Er wurde seitdem von zahlreichen Kollegen unterschrieben. Dies fand während des ersten World Forum for Democracy statt, das auf Initiative des Europäischen Rates hin organisiert wurde. Das war 2012. Eine Ewigkeit her. Seitdem ist der Planet noch grauenhafter geworden. Der Imperativ diesen Appell neu zu beleben scheint auf der Hand zu liegen. „Der Krieg hat schnelle Wege, aber der Frieden kommt aus den kleinen Ecken, den kleinen Gassen, und auf einmal wird er überall aufblühen“, sagt der ewige Optimist. Ob sie algerisch, französisch-algerisch oder einfach französisch sind, die Welt braucht in der Tat solche Stimmen.  

* Die Académie française („Französische Akademie“) wurde 1635 unter Louis XIII gegründet und ist die prestigeträchtigste Institution des Geisteslebens in Frankreich. Ihr Ziel ist „die Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache“. Ihre 40 Mitglieder werden auf Lebenszeit berufen (Anm.d. Übersetzerin).

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