The making of Berlin konfrontiert die Geschichte

© Koen Broos

The making of Berlin durchsucht diese Grauzone, in der die Wahrheit unter der Attacke der Erinnerung und der individuellen Schicksale im Angesicht der Geschichte Risse bekommt.

Liebe zu Finten, zum Verstellen, das fehlt der Gruppe BERLIN nicht. Sie wurde 2003 in Belgien gegründet und hat trotz ihres Namens nichts mit der deutschen Hauptstadt zu tun. Und als sie The making of Berlin kreieren, den letzten Teil des Zyklus Holozän mit Städteportraits, akzeptieren sie zum ersten Mal die Enthüllung der Kulissen der Entstehung eines Stückes, dank der Regisseurin Fien Leysen, die sie filmt, was zu einem Matrjoschka-Puppen-Effekt führt. Wie bei Zvizdal, das 2017 im Maillon präsentiert wurde, bei dem man einem alten Ehepaar folgte, das, koste es was es wolle, in einem Dorf der Region Tschernobyl lebte, erfassen sie die graue Stadt über die Anekdote und intime Geschichten. Nach ihrer Begegnung mit Friedrich Mohr, dem ehemaligen Orchestermanager des Reichsorchesters (Name der Berliner Philharmoniker während des Zweiten Weltkrieges), versuchen sie einen Traum zu realisieren, der in den Wochen vor der Einnahme der Stadt durch die sowjetischen Truppen nicht realisiert wurde. Nachdem die üblichen Säle bombardiert worden waren, wollte das Orchester, dessen Mitglieder der allgemeinen Mobilisierung Ende 1944 entkamen, da sie unter Goebbels Schutz standen, ein letztes Mal spielen: Siegfrieds Trauermarsch aus der Götterdämmerung von Wagner. Die Götterdämmerung vor dem sich ankündigenden Massaker mit der Ankunft der Russen, die Musiker, aufgeteilt nach Instrumentenfamilien in 6 Bunkern, die durch Militär-Telefone bis zu einem 7. für den Dirigenten verbunden sind, mit einer Radioverbindung, die die Live-Ausstrahlung erlaubt. Ein verrücktes und fehlgeschlagenes Unternehmen, technisch empfindlich, praktisch sehr gefährlich in einer Stadt, die im Begriff ist, von den Bombardierungen völlig zerstört zu werden.

The making of Berlin
The making of Berlin © Koen Broos

Das Stück folgt den vorbereitenden Reisen und den Begegnungen von Yves Degryse und seinem Team, ihrer sofortigen Faszination, wie jener der verschiedenen Co-Produzenten (Opera Ballet Vlaanderen, Radio Klara…), für das was die Jugendgeschichte dieses alten Mannes repräsentiert, der gleichzeitig mit dem Krieg, den Zugeständnissen (mehr als ein Wort, als die jüdischen Musiker ausgeschlossen werden) und der Musik als Zufluchtsort jongliert, in einer Welt, die ringsherum in sich zusammenbricht. Weder Widerstandskämpfer noch Mitglied der NSDAP, ist Mohr der perfekte Zeuge dieser Grauzone all jener, die die Ereignisse ohne Knall erlebt haben. Nur dass alles etwas zu schön ist in seiner Erzählung, der ergreifende Brief von seiner Lebensgefährtin Rosa, die zahlreichen Details der Operation. Langsam bekommt seine Erzählung Risse und die dokumentarische Herangehensweise des making of macht Sinn. Die Zweifel des Teams sind augenscheinlich, lassen Oppositionen zum Status der Fiktion entstehen: Kann man bewusst ein Dokumentarstück auf der Basis von Lügen machen? Soll man sie aufdecken, sogar die Wahrheit suchen? Oder ist ein Stück per definitionem eine Kreation, die fern von der Realität ist, was seinen Reiz ausmacht? Den Prozess zu enthüllen, erlaubt es allen diesen Schichten zu koexistieren und ein gleichzeitig intime und kollektive Erzählung zu skizzieren, Vergangenheit und Gegenwart über die Grauzonen hinweg zu verbinden.

The making of Berlin

Im Maillon (Straßburg) vom 17. bis 19. April (in deutscher, niederländischer und englischer Sprache, mit französischen Übertiteln)
maillon.eu

Das könnte dir auch gefallen