Ornans erkundet Le Réalisme animal
In Ornans enthüllt Le Réalisme animal einen bildlichen Umbruch des 19. Jahrhunderts: Kälber, Kühe, Schweine… werden zu künstlerischen Themen.
Die Wiederentdeckung der Werke von Paulus Potter (1625-1654) – der das Tier ins Zentrum der Aussage stellt, wie Paysage avec bétail et laitière (1643), dessen Thema eine Herde ist – bewirkt im 19. Jahrhundert eine tiefgreifende Veränderung. Der Status des Tieres wird so verändert: Von einem beiläufigen Element, einem fast „dekorativen“ Motiv, wird es zum Zentrum des Gemäldes. Zeitgenossen stürzen sich in diese Lücke um den Appetit der Sammler zu befriedigen, wie Jacques Raymond Brascassat mit Mouton bêlant (1834) bei dem das Schaf mit einer Sorgfalt portraitiert wird, die man einem mythologischen Helden zuteilwerden ließe. Im Laufe eines Rundgangs, der rund 120 Werke versammelt, entdeckt der Besucher die verschiedenen Avatare der Tierkunst. Von imposanter Dimension, Labourage nivernais (1849) von Rosa Bonheur, das die Ackerbestellung zeigt – die es erlaubt die Erde zum Herbst- beginn aufzulockern –, das Ochsen verherrlicht, deren helles, rötliches und weißes Fell vom kalten Licht hervorgehoben wird. Es handelt sich nichtsdestotrotz vor allem um ein „Propaganda-Werk. Das Gemälde wurde vom Staat in Auftrag gegeben um den Prozess der Industrialisierung der Viehzucht zu glorifizieren, der zu dieser Zeit eingeführt wurde“, unterstreicht Thierry Laugée. Einer der Kuratoren der Ausstellung. Faszinierend sind die Aufnahmen von Nadar, der die „Stars“ der regionalen Bauernverbände – Salers, Comtoise, etc. – ablichtete und damit an der gleichen Kommunikationsmaßnahme teilnahm.
„Stars“ der regionalen Bauernverbände – Salers, Comtoise, etc. – ablichtete und damit an der gleichen Kommunikations- maßnahme teilnahm.
Andere Teile der Ausstellung illustrieren die Bewusstwerdung über das Leid der Tiere und die Notwendigkeit des Wohlergehens des Viehs (in erster Linie mit einem ökonomischen Ziel), mit der Schaffung der SPA* im Jahr 1845. Es folgen erstaunliche menschenähnliche Kompositionen, die ein Echo auf die aktuelle Debatte zum Antispeziesismus darstellen: „Die Kunst des 19. Jahrhunderts erzählt oft etwas über die Gegenwart“, fügt Benjamin Foudral, der Direktor des Museums hinzu. Man bleibt verblüfft angesichts von Petits fiancés (vor 1899) von Henri Bonnefoy, das ein süßes Ziegenpaar zeigt oder vor La première dent (1912), Marmorstatue von Roger Maurice Marx, in der ein Affenweibchen, in einer Szene von großer Zärtlichkeit ein Baby in seinen Armen hält. Und was soll man zu Réveil (1865) sagen? Auguste Schenck repräsentiert darin eine Schafsherde, in der jedes Tier individuell dargestellt und vermenschlicht wird, was den Betrachter dazu führt an ein Bewusstsein der Tiere zu glauben. Von Anfang bis Endebegeisternd – selbst wenn die Katze nur einmal präsent ist und auf äußerst diskrete Weise: Werden Sie sie entdecken? – endet der Rundgang mit einer kaleidoskopartigen Überlegung zum Naturalismus, zwischen Gorillas, die den King Kong von Emmanuel Fremiet vorhersehen und Renard pris au piège (um 1860) von Courbet.
Im Musée départemental Gustave Courbet (Ornans) bis 8. November
musee-courbet.fr
> Parallel dazu wird eine monumentale Bildinstallation von Paolo Boosten in der Ferme Courbet in Flagey präsentiert (bis 03.01.27)
* SPA, „Société Protectrice des Animaux“, der erste französische Tierschutzverein




