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Entdeckung des Universums von Alessandro Sciarroni in Pôle Sud

Raoul Gilibert (Save the Last Dance for Me) & Andrea Macchia (U. (Un Canto))


Was gibt es Besseres als einen Doppelabend um in das interdisziplinäre Universum von Alessandro Sciarroni einzutauchen? Zwischen Save the Last Dance for Me und U. (Un canto).


Als Anhänger von Performances, die die Gattungen kreuzen – seine Choreographien machen ebenso Anleihen beim Theater wie beim Sport, dem akrobatischen Zirkus oder der Musik –, konstruiert der Italiener Alessandro Sciarroni ein Werk, bei dem die körperliche Herausforderung immer im Zentrum steht. In Pôle Sud findet man zwei Extreme seines künstlerischen Spektrums. Zunächst das Duo Save the Last Dance for Me. Das 2019 uraufgeführte Stück schöpft aus der polka chinata, einem Rundtanz für Paare, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Bologna entstand. Ausschließlich von Männern im Rahmen romantischer Begegnungen praktiziert, ist er im Laufe der Jahre verloren gegangen. Als er ihn im Jahr 2018 entdeckt, kennen ihn nur noch 5 Personen in Italien. Nachdem er den Künstler Giancarlo Stagni kontaktiert, einen Spezialisten der danza filuzziana – Variante des Salontanzes – gräbt er Videoarchive aus den 1950er Jahren aus und macht sich daran diese nicht so alte Tradition wieder in Mode zu bringen. Zu elektronischer Musik tanzen seine zwei Interpreten auf agile Weise einen schnellen Walzer, mitgezogen von einer merkwürdigen Zentrifugalkraft, bis sie die Anstrengung mit einem selbstbewussten Lächeln in Freude verwandeln. 


Auch wenn die Rund-Geste unseren Mann fasziniert, ist die Immobilität eine andere Facette seiner Arbeit. Auf perfekte Weise ein Gegengewicht zu seinem ersten Werk, vereint U. (Un Canto) (2024) sieben Interpreten auf einer leeren Bühne… über denen mysteriöserweise eine Reihe von Mikrophonen hängt. Sind sie da um die Stille der Körper noch ohrenbetäubender zu machen? Keinesfalls. Sie bringen andere Arten von Gesten hinzu, die sehr viel unerwarteter sind: den Gesang! Indem sie sich damit begnügt langsam auf das Publikum zuzugehen, nimmt die Gruppe Kompositionen von italienischen Maestros wieder auf, von 1968 bis heute. So erklingen Ambra, ein kraftvoller liturgischer Gesang von Renzo Bertoldo, aber auch das Chor-Repertoire von Bepi de Marzi und Piercarlo Gatti oder das Stück Fratello Sole, Sorella Luna, von Claudio Baglioni aus dem gleichnamigen Film. Die aufwühlenden Stücke drücken universelle Themen aus, von der Beziehung des Menschen zur Natur bis zur vergehenden Zeit, über die Freundschaft, das Vergeben, die Toleranz oder auch die Zerbrechlichkeit der Existenz. Indem sie die Verse der Reihe nach anstimmen und im Laufe der Performance lange Momente der Stille lassen, steigern die Künstler das Grandiose des Repertoires, dessen Titel, die im Bühnenhintergrund angezeigt werden, den Eindruck vermitteln wie eine Playlist abzulaufen. 


In Pôle Sud (Straßburg) am Mittwoch den 25. und Donnerstag den 26. November
pole-sud.fr

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