Catherine Trautmann : Welche Kultur für Straßburg?
Nach Erfolgen 1989 und 1995 wurde Catherine Trautmann zum dritten Mal zur Bürgermeisterin von Straßburg gewählt. Gespräch mit einer ehemaligen Ministerin für Kultur und Kommunikation (1997-2000) rund um ein Thema, das sie begeistert und den Platz der rheinischen Stadt im Herzen des europäischen Ökosystems. Zustand der Museen, Zukunft der Oper, Wunsch nach Attraktivität, Verschuldung, etc. Die „Zarin“ nimmt kein Blatt vor den Mund und macht sich zum Handeln bereit.
Im Laufe des Wahlkampfs war eines ihrer Mantras, um es zusammenzufassen: „Mehr mit weniger machen“. Wie wendet es sich auf den Bereich der Kultur an?
Für die Kultur, wie für die anderen Sektoren, müssen die Ausgaben engagiert und bewusst sein: Ich habe deswegen ein globales Audit des finanziellen Zustandes der Gebietskörperschaft initiiert um die echte [sie unterstreicht das Adjektiv] Situation zu kennen. Das machen wir gerade um auf effiziente Weise auf die zahlreichen Schwachstellen zu antworten, die insbesondere im Kulturbereich offensichtlich sind. Ich habe die Besorgnis zahlreicher Akteure gehört: Freischaffende Bühnenkünstler, Bildende Künstler…
Eine weitere ihrer Sorgen ist jene die „Stadt zu reparieren“: Kann die Kultur dazu einen Beitrag leisten?
Ich glaube in der Tat, dass die Einwohner verletzt wurden, dass Verbindungen zerbrochen wurden und dass die Kultur dazu beitragen kann, neu zu verknüpfen: Ein Audit durchzuführen hat nicht das Ziel Budgets zu „zerstören“ oder willkürliche Kürzungen zu rechtfertigen. Es ist wichtig sich an eine komplexe Situation anzupassen, insbesondere in Bezug auf die Verschuldung – die das orangefarbene Stadium überschritten hat – und, per Umkehrschluss einige Summen neuen Initiativen zuzuweisen. Die Stadt zu reparieren bedeutet auch mit Matignon* zu diskutieren um Projekte zu unterstützen, die nicht im Dreijahresvertrag stehen, die wir aber brauchen, wie die Entwicklung des Flughafens; das ist nur ein Beispiel. In den letzten Jahren war der Begriff „Einfluss“ nicht komplett tabu, aber das Wort „Attraktivität“ schon, ebenso wie „Entwicklung“ und „Exzellenz“. Straßburg hat sich zurückgezogen, war abwesend. Ich will mit dieser Tatsache brechen.

Ist ihre Vision in einem grenzüberschreitenden Paradigma verankert?
Da wir uns in einem Eurodistrikt befinden, ist es fundamental ihm eine echte Substanz zu verleihen, indem wir alle Kräfte dieses Lebensraums zwischen Frankreich und Deutschland mobilisieren: Das geht über konkrete Projekte, wie einen grenzüberschreitenden Marathon, den wir organisieren werden, aber auch über Initiativen, die auf mehr Publikumsaustausch abzielen, die Umsetzung gemeinsamer Projekte… Aber man muss über die Ortenau hinaus gehen, sich in der Oberrheinischen Tiefebene vernetzen mit Freiburg im Breisgau, Karlsruhe, Basel, aber auch Mainz – rund um Gutenberg – und darüber hinaus mit Saarbrücken, das auf Französisch gesetzt hat, oder Stuttgart, mit dem wir eine Städtepartnerschaft unterhalten. In diesem Rahmen muss man auch mit anderen Städten zusammenarbeiten: Ich habe vor Kurzem den Bürgermeister von Charkiw getroffen um eine verstärkte Kooperation auf die Beine zu stellen, die in einer Städtepartnerschaft münden kann… Straßburg muss übrigens eine „Stadt der Zuflucht“ bleiben für Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler…
Was werden die Hauptachsen der Kulturpolitik Straßburgs sein?
Bevor wir neue Veranstaltungen organisieren – was wir auch machen werden –, ist es wichtig die Akteure des Territoriums zu stärken, damit sie eine größere Sichtbarkeit erreichen. Ich denke, aber das sind nur zwei Beispiele, an das FARSe [Festival des Arts de la Rue de Strasbourg, „Festival der Straßenkünste von Straßburg“, Anm.d.Red], das zu einer der großen Veranstaltungen seines Stils in Europa werden muss, ebenso wie das Festival Européen du Film Fantastique de Strasbourg [„Europäisches Festival des Phantastischen Films von Straßburg“, Anm.d.Übersetzerin]. Es geht darum Bilanz zu ziehen und mit den verschiedenen Akteuren eine gemeinsame Strategie zu verfolgen, um ihre Bedürfnisse zu bestimmen und die Ausgaben der Gebietskörperschaft von Fall zu Fall zu hinterfragen.
Sie wollten auch saisonale Akzente setzen…
In der Tat. Unser Ziel ist es, dass jede Jahreszeit für das Publikum gut zu identifizieren ist: Im Frühling, zahlreiche Festivals, im Sommer, einfache Freuden unter freiem Himmel – an der Grenze zur Freizeit –, im Herbst, der Beginn der Spielzeiten der verschiedenen Institutionen und im Winter, ein großer Raum für die Weihnachtssymbolik.
Was wollen Sie damit sagen, wenn Sie von „neuen Veranstaltungen“ sprechen?
Ich wünsche mir, dass wir als Veranstaltungsort eines Dokumentarfilmfestivals kandidieren, das ein essentieller Meilenstein in unserer audiovisuellen Politik sein wird, aber auch, dass eine Veranstaltung wie L’Industrie magnifique, eine echte Verbindung zwischen der Welt der Künste und des Unternehmens, wiederbelebt wird, aber auch, dass Straßburg der Sitz eines deutsch-französischen Zentrums für Provenienzforschung wird: In diesem Bereich ist bei Weitem nicht alles geregelt, denn zahlreiche Gemälde, die oft in europäischen Museen hängen, warten darauf den legitimen Besitzern zurückgegeben zu werden.
Sie sprechen von den Museen: Man hat das Gefühl, dass unvermeidbare strukturelle Kosten (Renovierung des Musée alsacien nach dem Musée Zoologique, die für den Palais Rohan geplanten Arbeiten…) die Ausstellungspolitik des Straßburger Netzwerkes beeinträchtigen…
Das gehört zu dem was mich beschäftigt: Es ist essentiell in genereller Hinsicht wieder eine Dynamik in den Museen zu finden und insbesondere im Musée d’Art moderne et contemporain… Es gibt einige Baustellen, die Sie genannt haben, aber man kann das Programm deswegen nicht aufgeben. Während des Wahlkampfs bin ich ins Mamcs gegangen: Alle Wärter waren da und standen in Reih und Glied. Es war menschenleer und hat bei mir einen Eindruck hinterlassen… Es ist dringend eine echte Dynamik in das Netzwerk zu bringen, Veranstaltungen zu organisieren, die Bestände für das Publikum zugänglich zu machen [die in einem Gebäude auf dem ehemaligen Gelände der COOP liegen, Anm.d.Red.] und vor allem Straßburg wieder auf der europäischen Karte der Ausstellungen zu verankern!
Die vorherige Legislaturperiode hat ein unverzichtbares „Opernprojekt“ ins Leben gerufen, dessen Konturen wir kennen, aber nichts ist in Stein gemeißelt: Was werden Sie tun?
Dazu kann ich heute nicht antworten, denn wir sind dabei die Situation zu begutachten. Mir wird bewusst, dass man den Auszug der Oper geplant hat ohne wirklich den Wiedereinzug zu planen. Für den Palais des Fêtes [wo die Aufführungen ab September 2028 für fünf Spielzeiten stattfinden sollen, Anm.d.Red.], steht es außer Frage eine Transformation umzusetzen, die gewisse zukünftige Nutzungen des Ortes unmöglich macht. Ich fürchte außerdem, dass die angekündigten Kosten für das Gebäude an der Place Broglie, 120 Millionen Euro, unterschätzt sind: Die Spezialisten, die ich konsultiert habe, rechnen eher mit 180. Wir dürfen nicht „untergehen“ wie man im Süden sagt!
* Amtssitz des französischen Premierministers, seit 2025 Sébastien Lecornu [Anm.d.Übersetzerin]
