Blow Up I: die riesigen Gemälde von Franz Gertsch im Kunstmuseum Bern
Die Franz Gertsch gewidmete Retrospektive Blow-Up I taucht in die monumentalen Gemälde eines Meisters des Photorealismus ein.
Zur Eröffnung gehen zwei riesige Gemälde von sechs auf vier Metern einen Dialog ein: Eine friedliche Familienszene, die bei einer Wanderung eingefangen wurde, Maria mit Kindern (1971) steht Medici (1971-72) gegenüber – das bei der documenta 5 in Kassel eine Sensation war – eine Verkörperung der coolen siebziger Jahre, zwischen Hippie-Geist und psychedelischem Elan. Der ganze Franz Gertsch (1930-2022) scheint sich in diesen beiden Ikonen zu konzentrieren. Als Pionier des Photorealismus in Europa beschrieb der Schweizer Künstler seine Gemälde folgendermaßen: „[Sie] sind hybrid: halb real, halb abstrakt. Von Weitem photographische Realität, aus der Nähe Abstraktion.“ Es reicht heranzutreten, bis man (fast) an der Oberfläche klebt, zurückzutreten, und die Bewegung ad libitum wiederzubeginnen, um dies zu verstehen. Die Beziehung zwischen Mensch und Realität zu hinterfragen und dabei gleichzeitig die Widersprüchlichkeiten der Wahrnehmung zu erkunden: Das ist auch die Aussage von Blow-Up, einem Film, der 1966 von Michelangelo Antonioni realisiert wurde, von welchem sich die Ausstellung den Titel leiht. Es liegt in diesen Bildern ein unergründliches Mysterium, das unentwegt fasziniert und beweist, dass der Maler nicht vom Willen animiert ist die Realität papageienhaft nachzuahmen, sondern von einer Suche nach der Wahrheit.

![Franz Gertsch
Maria mit Kindern [Maria avec les enfants],
1971. Museum Kurhaus Kleve, prêt permanent de
la succession Franz Gertsch
© Franz Gertsch AG](https://www.poly.fr/wp-content/uploads/cache/2026/09/07-gertsch-maria-mit-kindern-scaled/3648499884.jpg)
Der weitere Rundgang ist chronologisch aufgebaut, von den Anfängen, die von den alten Meistern inspiriert sind bis zu den Werken der 1960er Jahre, die manchmal rätselhaft sind wie Alle fünf Rolling Stones (1968), bunte Pop-Silhouetten, die Collagen, die mit Papierstücken realisiert wurden in Pigmente übersetzen! Der Hyperrealismus beginnt mit Huaa…! (1969), für das Franz Gertsch zum ersten Mal die Seite eines Magazins photographiert um sie mit dem Diaprojektor zu projizieren und nach diesem Modell zu malen. Von nun an erfassen seine Werke den Betrachter, lassen ihn in ein metaphysisches Universum eintauchen. Zwischen den soziologisch-künstlerischen Szenen der 1970er Jahre, die deren Geist auf seltsame Weise konzentrieren – wie Marina schminkt Luciano (1975) – und den Portraits (wie den Roma-Kindern am Strand von Saintes-Marie-de-la-Mer), ist die Faszination am Werk. Alle von imposanter Größe haben sie Monate minutiöser Arbeit benötigt, umso mehr als Franz Gertsch als Untergrund eine unbehandelte Baumwolle verwendet, die jegliche Reue unmöglich macht. Die Verzauberung gipfelt mit dem Spätwerk, dessen Thema oft die Natur ist: Das riesige Meer I (2016-17) zeigt so eine hohe Welle. Voller Ausgeglichenheit und Spiritualität enthüllt diese Ozean-Komposition, dass der Künstler in erster Linie ein Mystiker ist.
Im Kunstmuseum Bern bis 17. Januar 2027
kunstmuseumbern.ch
> Blow-Up II entfaltet sich im Museum Franz Gertsch in Burgdorf (bis 28.02.27)
museum-franzgertsch.ch



![Franz Gertsch
Meer I [Mer I], 2016–2017. Succession Franz Gertsch
© Franz Gertsch AG](https://www.poly.fr/wp-content/uploads/cache/2026/09/11-gertsch-meer-i-scaled/126051812.jpg)