Die Geometrie von François Morellet im Museum Würth 2 in Künzelsau
Zur Feier des hundertsten Geburtstages von François Morellet installiert sich Die Vielseitigkeit der Geometrie in einem Universum, das zwischen Ordnung und Chaos schwankt.
Auch wenn François Morellet (1926-2016) einer der Gründer der GRAV („Forschungsgruppe für visuelle Kunst“) Anfang der 1960er Jahre war, ist es vor allem verlockend ihn der Oulipo („Werkstatt für Potentielle Literatur“) nahezubringen, die Zwänge als Weg zur Kreativität definierte. Wie kann man in der Tat angesichts seines plastischen Korpus – von dem hier ein schöner Auszug von 25 Werken gezeigt wird – nicht an einen berühmten Satz von Georges Perec denken, der deklarierte: „Im Grunde gebe ich mir Regeln um total frei zu sein“? Der Künstler arbeitet mit Systemen, die strikt vorgeben, was das Werk sein wird, mit dem Willen dazu die subjektiven Entscheidungen auf ein Minimum zu reduzieren. Ziel ist es frei (und fast auf autonome Art und Weise) einfache Regeln agieren zu lassen, die auf der Hand liegen und mit Vorliebe… absurd sind, die er natürlich mit Freude überschreitet, indem er die Geometrie durcheinander bringt, wofür er den Zufall nutzt. Mit π piquant no 1, 1=10°, 51 décimales (1998), versteht man gut die Funktionsweise des Paares System/ Zufall. Die Multiplikation der Dezimale von π (hier werden 51 verwandt) mit einem Koeffizienten in Grad (hier 10°), erlaubt es verschiedene Winkel zu erzielen (30°, 10°, 40°, 10°, 50°, 90°, etc.), die gleich lange Geradenabschnitte verbinden, welche ein Gemälde mit einer strengen (aber fröhlichen) geometrischen Askese komponieren. Das definiert auf perfekte Weise einen Korpus aus Linien, die an Skizzen erinnern, metallischen Sphären mit tadelloser und schonungsloser Architektur, aus rein zufälligen Aufteilungen (zum Beispiel in 40 000 Vierecke), aus einem neonfarbenen Schachbrett, das an seine Spiegelung in einer Wasserpfütze erinnert, etc.

Sein ganzes Leben lang ist François Morellet so einem modus operandi treu geblieben, der zwischen zwei (anscheinend) widersprüchlichen Polen hin und her schwankt, die sich in einer fruchtbaren Dialektik anziehen und abstoßen: Ordnung und Chaos, Vorherbestimmung und Zufall, nennen wir es wie wir wollen. Und es ist just dieses permanente Spiel, zwischen logischem Joch und Störung von absurder Essenz, dass das Gefühl des Jubels und der Ironie kreiert, das die Ausstellung prägt. Man entdeckt hier insbesondere Werke wie Striptyque no 1 (2005), in Form einer Erkundung der verschiedenen Potentialitäten der Linie, das zu einer Serie gehört, die der Künstler zärtlich seine „Senile Lines“ nannte; nur um noch weiter zu spielen, diesmal mit Worten, indem er ein Palindrom erfindet, eine seiner Leidenschaften, denn er veröffentlichte 111 rund um das Wort „Kunst“.
Im Museum Würth 2 (Künzelsau) bis 24. Januar 2027
kunstkultur.wuerth.com
