Wettlauf mit der Wirklichkeit : Der Fotorealismus im Museum Frieder Burda
Mit mehr als 90 Werken von rund dreißig Künstlern erkundet Wettstreit mit der Wirklichkeit 60 Jahre Fotorealismus in einem höchst intensiven Rundgang.
In den Vereinigten Staaten lehnen sich im Laufe der 1960er Jahre junge Rebellen gegen die Domination eines endenden abstrakten Expressionismus auf. Sie wählen eine Rückkehr zum Figurativen, preisen einen neuen Modus Operandi an. Maler wie Malcolm Morley oder Chuck Close (der im Jahr 1978 angab, „Ich liebe die Idee Bilder zu recyceln“) nutzen so Photographien als Basis. Für sie geht es gewiss darum die Realität zu reproduzieren, aber eine schon eingefangene Realität, die vom Objekt umrissen ist. Durch diese plastische Vervielfältigung bekommt das Leben so Zugang zu einer „Hyperrealität“, fixiert sich in einem Jenseits, das eine Art „Meta-Realität“ darstellt. Ein erster Teil im Erdgeschoss konzentriert sich auf diese Pioniere, die den Konsumerismus und die triumphierende Werbung des American way of life erkunden, was aus ihnen uneheliche Kinder der Pop-Art macht. Es entfalten sich, zum Beispiel, die Ansichten von Vororten der middle class von Robert Bechtle (Santa Barbara Patio, 1983) oder Autos von Don Eddy (Private Parking III, 1971), Ron Kleemann oder John Salt, der eine melancholische Version der USA mit seinen zurückgelassenen Karren liefert (Montego, 1968), deren Inneres sich im Nebel eines faszinierenden Sfumato auflöst. Man ist verblüfft von den Stadtansichten von Richard Estes, die mit Zeichen übersättigt sind (Schilder, Neonröhren, etc.), in denen man sich damit vergnügt seine Signatur zu suchen, wie in Nedick’s (1970).
Das Zwischengeschoss ist dem Werk von Karin Kneffel gewidmet – von Aufnahmen ausgehend, erinnert ihr Schaffensprozess an eine mentale Sedimentation von Bildern und Eindrücken, die halluzinogene Gemälde erzeugen –, während der erste Stock die neuesten Entwicklungen des Photorealismus vereint: Still-Leben in Form von Aneinanderreihungen von Cola-oder Red Bull-Dosen von Pedro Campos (A Hot Day II, 2008), Ansichten von New Yorker Skylines von Raphaella Spence, leere Innenräume, glatt und metaphysisch, die von Ben Johnson mit der Pistole gemalt wurden (Leading Light, 2001, erinnert auf erstaunliche Weise an Hopper)… Wir haben eine Schwäche für die Kompositionen von Johannes Müller-Franken, die mit einer pingeligen Sorgfalt aufgebaut sind und unerwartete imaginäre Geschichten initiieren, die kurioserweise an Bilder erinnern die von künstlicher Intelligenz generiert wurden (Castel Rigone, 2012). Wie bei den Aufnahmen von Gregory Crewdson kann der Besucher den Strang einer Erzählung spinnen. Zwei Frauen, die inmitten der Berge Halt machen, unter einem Sternenhimmel, ihr Auto hat (vielleicht) eine Panne: In Wetterstein (2022) ist, entgegen des ersten Eindrucks, nichts friedlich. Was spielt sich in dieser gleichzeitig verträumten, glamourösen und eisigen Szene ab? Jeder kann darauf seine eigene Antwort finden…
Im Museum Frieder Burda (Baden-Baden) bis 2. August
museum-frieder-burda.de


