Interview mit Daniel Baal und Nicolas Théry vom Crédit Mutuel zu ihrem Buch

Photo de von Benoît Linder pour für Poly (Daniel Baal à droite rechts & Nicolas Théry à gauche links)

In Pour une société plus mutuelle2, das sie vierhändig geschrieben haben, stellen Daniel Baal, seit April 2024 Präsident des Crédit Mutuel3, und sein Vorgänger Nicolas Théry1, den zeitgenössischen Kapitalismus in Frage. Gespräch mit einem engagierten Tandem. 

Wie würden Sie das Genossenschaftswesen definieren, die Charakteristik der fünftgrößten französischen Bank, deren Werbeslogan lautet „Eine Bank, die ihren Kunden gehört, das ändert alles“? 

Daniel Baal: Der Kapitalismus beruht auf dem Geld, das Genossenschaftswesen auf der Gesellschaft, in die es sich einfügt. Der Crédit mutuel gehört seinen Genossenschaftsmitgliedern, aber es ist unabdingbar weiter zu gehen, indem man der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nützlich ist. Aber im Grunde ist man, wenn man für die Gesellschaft nützlich ist auch nützlich für seine Mitglieder… Deswegen war der Crédit Mutuel 2020 die erste Bank, die „Unternehmen mit einer Mission“ wurde (ein Status der von einem Gesetz aus dem Jahr 2019 vorgesehen wird, das es erlaubt das Streben nach ökonomischer Leistung mit dem Beitrag zum Allgemeinwohl zu vereinbaren, Anm.d.Red.). 

Nicolas Théry: Für mich ist es ein „gemeinsamer Plural“: Das beste Beispiel ist das Kapital, das niemandem gehört, außer einer solidarischen Gemeinschaft. Jederzeit üben die Mitglieder ein Stimmrecht aus, das sich auf dieses gemeinsame Gut bezieht, das pluralistisch ist, denn jeder soll sich darin wiederfinden und als solcher „bedient“ werden. Niemand ist gezwungen in eine Schublade zu passen, um es anders auszudrücken: Das ist der Sinn der Aufhebung des Gesundheitsfragebogens für Immobiliendarlehen oder der Nullprozentfinanzierung für Stipendiaten. Es ist unerlässlich wieder gemeinsam zu handeln. 

Die „gesellschaftliche Dividende“ wurde 2023 eingeführt: Worum handelt es sich?
D.B.: Jedes Jahr werden 15 % des Nettogewinns des Crédit Mutuel der Finanzierung von Projekten gewidmet, die darauf abzielen gegen die Klimaerwärmung und gesellschaftliche Ungleichheiten zu kämpfen. Das waren im Jahr 2024 mehr als 570 Millionen Euro (es werden insgesamt rund 3 Milliarden Euro im Rahmen des zukünftigen Strategieplans 2024-27 „Ensemble Performant Solidaire“ geschätzt, Anm.d.Red.). Es ist eine neue Art des Genossenschaftswesens, das auf gewisse Weise das Werk unsere „Gründungsvaters“ Friedrich Wilhelm Raiffeisen fortsetzt. N.T.: Es gibt kein Unternehmen, dem es in einer Welt gut gehen kann, der es schlecht geht. Das Genossenschaftswesen ist eine Philosophie der Fakten. Seit zwanzig Jahren sind wir auf die „schwarze Kurve“ des Weltklimarats ausgerichtet: Die Herausforderung, vor der Raiffeisen stand war das Elend auf dem Land, jene von Proudhon das Elend der Arbeiter, jene vor die wir gestellt werden ist das ökologische Elend… Und Antworten sind möglich, wie es der Bericht von Pisani / Mahfouz zeigt, der darauf hinweist, dass ein Engagement von 60 bis 70 Milliarden pro Jahr – also zwischen zwei und drei Punkten des BIP – ausreichen würde um die Infrastruktur an den Klimawandel anzupassen. Wenn zweihundert Unternehmen dasselbe machen wie wir, würde man besser vorankommen… 

Schlussendlich handelt es sich um eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Genossenschaftswesens…
D.B.: Proudhon und Raiffeisen haben im Sinne der Gemeinschaft und des Kollektivs gedacht, mit Werkzeugen wie einer Lebensmittelkooperative, einer Kreditkooperative, etc. Wir sind ihre Erben. Wir müssen die Entwicklung fortsetzen mit dem Leistungsgedanken im Kopf – denn es gibt keine gesellschaftlichen Dividenden, wenn es keinen Gewinn gibt – und dabei zu den Fundamenten zurückkehren, die das Teilen und die Solidarität sind. Für uns sind dies keine Worte, sondern konkrete Handlungen. 

In Kapitalismus kontra Kapitalismus (1992), stellte Michel Albert das „neo-amerikanische“ Model (individueller Erfolg, kurzfristiger finanzieller Profit, etc.) und das „rheinische“ (kollektiver Erfolg, Konsens, Streben nach langer Sicht) gegenüber. Man sieht auf welcher Seite Sie stehen… 

N.T.: Heute häuft der Kapitalismus, der vorgibt gewonnen zu haben, die Misserfolge an, insbesondere in Bezug auf die Umwelt, die Ungleichheiten und sogar die Effizienz. Man sieht gut, dass ein anderer Kapitalismus, der unauffällig weiterhin lebt und sich entwickelt, auf der Leistungsebene mindestens ebenso gut ist und sich in eine radikal andere Funktionsweise einfügt. 

In einem anderen Bereich ist der Crédit Mutuel der Eigentümer von EBRA (Est Bourgogne Rhône Alpes), der größten Gruppe regionaler Presse mit neun Zeitungen (DNA, Le Républicain lorrain, Le Bien public, Le Progrès, etc.). Welchem Bedarf entspricht diese Entscheidung? D.B.: Es ist Michel Lucas (Präsident des Crédit Mutuel von 1971 bis 2016, Anm.d.Red.), der dieses Ensemble gegründet hat. Er sah die Presse als ein Instrument des politischen Einflusses. 

Und des persönlichen Aufstieges, denn er träumte davon Minister von Nicolas Sarkozy zu werden…
D.B.: Wir haben uns dazu entschieden diese sehr defizitäre Pressegruppe zu behalten – 50 bis 60 Milliarden pro Jahr – um sie wieder aufzubauen: Das Gleichgewicht wurde einmal im Jahr 2021 erzielt. Wir haben eine andere Logik als jene des Einflusses gewählt: jene der Demokratie… 

N.T.: Für uns ist die Zeitung in der Tat kein Mittel der Beeinflussung: Unsere Titel sind in redaktioneller Hinsicht total unabhängig mit ihren 1400 Journalisten. Es ist essentiell – und es ist es umso mehr in Zeiten von fake news und sozialen Netzwerken – eine qualitativ hochwertige Information anzubieten, ehrlich, unabhängig, um Fakten und ihre Zusammenführung bemüht. Auf symbolischer Ebene entspricht das unserer Entscheidung dazu, ein Unternehmen mit einer Mission zu sein. 


Begegnung mit Daniel Baal und Nicolas Théry moderiert vom Magazin Poly am Donnerstag den 2. Oktober um 18 Uhr in der Église Saint- Guillaume (Straßburg) im Rahmen der Bibliothèques idéales (19.09.- 05.10.)
biblideales.fr 

1. Seit April 2024, ist er Präsident der Stiftung Crédit Mutuel Alliance Fédérale und der Stiftung Crédit Mutuel pour la lecture.
2. Pour une société plus mutuelle („Für eine gegenseitigere Gesellschaft“) 

3. Die französische Genossenschaftsbank Caisse fédérale de Crédit Mutuel, die auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurückgeht, wurde im Deutschen Kaiserreich bei Straßburg gegründet (Anm.d.Übersetzerin) 

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