Interview mit Douglas Kennedy, ein epikureischer Schriftsteller
Vom Cloudy Bay bis zum Manhattan, Douglas Kennedy, Pate einer Ausstellung über den Champagner trinkt gerne… in Maßen. Begegnung mit dem frankophilsten aller amerikanischen Schriftsteller beim Festival du Livre de Colmar, dessen Ehrengast er Ende November war.
Zählen Sie nicht auf Douglas Kennedy um bei einem Termin mit Journalisten völlig blau aufzulaufen, wie es „Buk“ tat, der auf der Bühne von Apostrophes völlig strack war. Seine Devise scheint die Maxime von Aristoteles „In Medio Stat Virtus“ zu sein, was ihn von einer ganzen Generation von alkoholabhängigen amerikanischen Schriftstellern unterscheidet, von Scott Fitzgerald bis John Cheever. „Trinken ist eine Freude, unter der Bedingung, dass man in gewissen Grenzen bleibt“, fasst ein Ästhet zusammen, der für die göttliche Flasche eine wahre Leidenschaft hegt, wie Laure Gasparotto, eine der besten Schriftstellerin des Gebiets, mit der er sein Leben teilt.
Mixologie
Der Schlüssel zu dieser Besonnenheit ist vielleicht in der Kindheit zu finden: „Meine Mutter, eine New Yorker Jüdin, trank fast nichts – höchstens manchmal ein kleines Glas Wein. Mein Vater, ein irländischer Katholik hingegen war ein großer Trinker, fast ein Alkoholiker. Mit dreizehn Jahren hat er mir ein mit Wasser gespritztes Glas Wein gegeben: meine Mutter war außer sich, aber er hat geantwortet: „Das ist gut für Douglas, so ist es kein Mysterium für ihn“. Wenn man das in den Vereinigten Staaten von heute sehen würde, würden sofort die Sozialdienste oder die Polizei gerufen [lacht]“, führt dieser unermüdliche scharfe Kritiker der amerikanischen Gesellschaft fort – des Puritanismus in erster Linie – die er in Et c’est ainsi que nous vivrons (Belfond, 2023, noch nicht ins Deutsche übersetzt, Anm.d.Übersetzerin) durch den Fleischwolf dreht. So konnte er als Student als Barmann seinen Lebensunterhalt verdienen ohne in den Shaker zu fallen: „Ich mache einen sehr guten Negroni, aber vor allem den besten Manhattan, den man sich vorstellen kann: Zwei Teile Rye (ein amerikanischer Whisky, der aus mindestens 51% Roggen hergestellt wird, Anm.d.Red.) für einen Teil sehr guten roten Wermut – der Beste ist Französisch und wird vom Haus Dolin hergestellt – ein Spritzer Angostura (ein Konzentrat von Essenzen, Typ Bitter, Anm.d.Red.) und eine in Alkohol eingelegte Kirsche.“ Die Krönung: Seit Dezember trägt ein Cocktail den Namen des Schriftstellers in der Harry’s Bar in Paris, ein neuinterpretierter Manhattan natürlich! Trotzdem ist es „sehr schwierig über das Thema zu schreiben. Ich überlasse das Laure [lacht]. Das ist wie im Bereich der Erotik, man muss alle Klischees vergessen: für Isabelle in the Afternoon (2020) habe ich unzählige Bücher gelesen um Fehler zu vermeiden, sogar rund zwanzig Seiten von Fifty Shades of Gray. Es ist sehr, sehr schlecht [lacht].
Önologie
Als Pate einer Ausstellung zum Champagner (siehe Seite 15), sieht ihn Douglas Kennedy „als eine flüssige Entschädigung für das Chaos der Existenz. Er verspricht ihnen nicht das Glück, er garantiert nicht, dass das auf was Sie anstoßen gut gelingen wird. Aber er erinnert Sie daran, dass man inmitten aller Zufälle des Lebens immer Trost im Rausch seines Sprudelns finden kann.“ Er ist nicht zu bremsen zu diesem Thema – er spricht mit Inbrunst vom „Bolly“, dem Spitznamen, den die Golden Boys der Thatcheristischen Stadt dem Bollinger gaben, oder vom „French fizz“,aber das große Ding seiner Existenz ist der Wein. In Nachtblende (Lübbe, 1998) verwandelt sich eine Flasche sogar in eine Waffe: „Ich habe Garry geschlagen. Mit der Cloudy-Bar-Flasche. Ich habe ihm einen furchtbaren Schlag auf eine Seite des Schädels versetzt. Die Flasche ist in zwei Teile zersprungen“, schreibt er. Später begegnet er David Hohnen, dem Gründer des legendären neuseeländischen Weinguts, Mitte der 1980er Jahre – wie Cape Mentelle, Pionier in Australien im Jahr 1970. Und Letzterer schleudert ihm ins Gesicht „Jetzt werden alle denken, dass es sich um Wein für alternative Wohlstandbürger handelt.“ Und wenn man ihn fragt, was seine schönste Wein-Erinnerung ist, nimmt er sich Zeit zum Überlegen, gibt zu, dass er „den Amarone della Valpolicella liebt, mit seiner unglaublichen Farbe, den besten großen Wein Italiens, neben dem Barolo“, aber er entscheidet sich für… die Vereinigten Staaten. Und erwähnt einen Wein aus Kalifornien, Au Bon Climat, einen „Pinot Noir im Stil eines Burgunders. Wunderbar.“ Da wir einen ihrer zahlreichen Jahrgänge gekostet haben, La Bauge Au-dessus(ungefähr 35 Dollar), bestätigen wir diese Finesse dieser Ode an das Burgund. Und Douglas setzt fort: „Ich erinnere ich an eine sehr schwierige Phase in meinem Leben. Komplett alleine an Weihnachten, im Jahr 2016, habe ich eine Flasche von Au Bon Climat aufgemacht, einen Pinot Noir 2013, am 24. Dezember abends. Ich habe drei Gläser getrunken, ich dachte, dass inmitten dieses Ozeans aus Schei** eine Insel der Perfektion existierte. Ich sagte mir, ich würde es überleben [lacht]: am nächsten Tag habe ich einen langen eisigen Spaziergang am Strand, in der Nähe, in Maine gemacht und am 26. habe ich angefangen The Great Wide Open zu schreiben. Solche Momente bleiben in der Erinnerung hängen.“ Und er fasst mit einem Lachen zusammen: „In meinen Romanen trinken fast alle.“ Das wird auch der Fall in seinem nächsten Buch sein (dessen Erscheinen für Mai angekündigt ist), welches er in einem Satz zusammenfasst: „Es wird Nachtblende… dreißig Jahre später sein. Mehr kann ich nicht sagen.“
Alles, alles, alles, Sie erfahren (fasst) alles über das legendärste aller Getränke in Et soudain le Champagne !
Bubbles
Im Jahr 2025 werden die hundert Jahre der legendären Avenue de Champagne gefeiert, aber auch das zehnjährige der Aufnahme der Weinberge, Weingüter und Keller ins Weltkulturerbe der Unesco. Um dieses doppelte Ereignis zu feiern, organisiert das Musée du vin de Champagne et d’Archéologie régionale d’Épernay eine Ausstellung, deren Pate Douglas Kennedy ist, die sich mit Repräsentationen, Gebräuchen und Geselligkeit des berühmten Getränks befasst. In einem dreiteiligen Rundgang – der den Champagner als „Eine Zeremonie und eine Lebenskunst“, „Den Wein der Großzügigkeit und des Teilens“ und „Ein Bild der Moderne“ präsentiert – entfalten sich zahlreiche Artefakte. Ein Plakat von 1890, das von japanischen Drucken inspiriert ist von Pierre Bonnard, über einen zarten Art Déco-Kühler von René Lalique bis zu einem Glaskühler aus Fayence aus der Manufaktur von Straßburg aus dem 18. Jahrhundert, der anwesende Korpus ist dicht, lehrreich und begeisternd. Schlussendlich erlaubt es diese Ausstellung zu verstehen „wie der Champagner einen einzigartigen Platz als Produkt der Geselligkeit in europäischen Gesellschaften und dann in der ganzen Welt erreicht hat“, fasst die Kuratorin Laure Ménétrier zusammen.



