Interview mit Andrea Schwalbach zu “Dialogues des Carmélites”
Mit ihrer Vision von Dialogues des Carmélites, lässt uns Andrea Schwalbach in eine Gemeinschaft von Frauen in unruhigen Zeiten eintauchen.
Was sind die wesentlichen Themen des Werks? Geht es über die historische Sichtweise der Revolution hinaus nicht vor allem um existenzielle Fragen rund um den Tod?
Der Tod ist allgegenwärtig in diesem Stück. Es herrscht Revolution, und ein Menschenleben ist in der Zeit des Grand Terreur wenig bis nichts wert. Blanches Leben ist von Anfang an überschattet vom Tod ihrer Mutter bei ihrer Geburt, für den sie sich sicher mitverantwortlich fühlte. Die Priorin, die Blanche aufnimmt und ihr zugetan ist, stirbt nach kurzer Zeit an einer Krankheit. Blanches Vater wird hingerichtet, im Kloster schwören sich die Nonnen im Angesicht dieses Terrors der Revolution, gemeinsam zu sterben, falls das notwendig sein sollte. Am Ende gehen außer Mère Marie alle Nonnen gemeinsam auf das Schafott, zehn Tage bevor Robespierre auf derselben Tötungsmaschine wie die Karmeliterinnen hingerichtet wird und die Grande Terreur endet. Dies zum Tod in diesem Stück, das aber viel mehr ist als nur ein Todesreigen. Es geht auch um Leben im Angesicht des drohenden Todes, und wie Leben immer noch möglich ist in einer intellektuellen, spirituellen Gemeinschaft außerhalb des Zugriffs von männlicher Gewalt. Und da geht es auch mal fröhlich zu. Es gibt für die Menschen in diesem Stück wenig Handlungsfreiheit. Sie reagieren eher, als dass sie frei gestalten können, aber das ist nur natürlich während einer solchen, alles in Frage stellenden Revolution.
Die Frage nach dem Platz in der Gesellschaft ist ebenfalls von zentraler Bedeutung (Blanche muss mit ihren Ängsten und ihrer Zerbrechlichkeit in einer Welt zurechtkommen, in der sie keinen Platz findet. Sie findet ihn im Karmeliterkloster). Was denken Sie darüber?
Ich sehe Blanche nicht als Opfer oder als ausschließlich angstbesetztes Wesen. Ihr traumatisierter Vater projiziert vielmehr seine unverarbeiteten Verlustängste nach dem Tod seiner Frau auf seine Tochter. Ihr Bruder hat ein äußerst ungutes, übergriffiges Verhältnis zu seiner Schwester, die Welt draußen bricht zusammen – all das ist bedrohlich, und Blanche wandelt ihre Angst in den Entschluss um, ihr Zuhause zu verlassen und dem Orden der Carmélites beizutreten. Sie ist also handlungsfähig, in dem Wissen, dass dieser Ort Kloster schon während ihres Beschlusses und in absehbarer Zeit kein sicherer Ort mehr ist bzw. sein wird. Religion stand sehr bald während der französischen Revolution unter Strafe. Ich glaube, dass dieser Ort ihr abgesehen von Spiritualität zum ersten Mal eine weibliche Gemeinschaft gibt, und diese Gemeinschaft ihr erlaubt erwachsen zu werden. Allein mit welchem Selbstbewusstsein sie ihrem Bruder im 2. Akt begegnet, der sie immer noch ‚Hase‘ nennt, ist erstaunlich und beweist, welchen Rückhalt ihr diese weibliche Gemeinschaft gibt.

In seinen Entretiens avec Claude Rostand (1954) erklärt Poulenc: „Wenn es sich um ein Stück über die Angst handelt, dann ist es meiner Meinung nach auch und vor allem ein Stück über die Gnade und die Weitergabe der Gnade. Deshalb werden meine Karmelitinnen mit außergewöhnlicher Gelassenheit und Zuversicht zum Schafott gehen. Sind Vertrauen und Gelassenheit nicht die Grundlage jeder mystischen Erfahrung?“ Was denken Sie darüber?
Dem widerspricht die Figur der Priorin aufs heftigste auf ihrem Totenbett, wo sie ihre Würde und ihren Glauben verliert, im Angesicht des brutalen langen Todeskampfes, der ihr aufgebürdet wird. Sie hat alles richtig gemacht in ihrem langen Leben als Nonne/Priorin; und am Ende ist sie in ihrem Todeskampf nichts anderes als eine verzweifelte, leidende Frau, die damit hadert, dass es keine Belohnung gibt für ihre Dienste an Gott und der Menschheit. Wir wünschen uns Vertrauen und Gelassenheit als Ergebnis aus Religion, finden das aber am ehesten in den zwischenmenschlichen Begegnungen. Dasselbe gilt für die Priorin. Bis zum Schluss weichen Mère Marie, Blanche und andere Schwestern nicht von ihrer Seite, auch als sie Gott verflucht.
Handelt es sich hier um eine christliche Oper?
Ja und nein. Religionsausübung wie Gebete haben eher wenig Raum, außer am Schluss im Salve Regina, aber auch das ist eingebettet in die Hinrichtung. Es ist vielmehr eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Religion, dem Klosterleben und dieser weiblichen Gemeinschaft. Die Menschen stehen im Vordergrund, und der Glaube ist ein Teil von Ihnen.
In seiner Musik hebt Poulenc das literarische Theaterstück von Bernanos auf raffinierte Weise hervor: Haben Sie das Buch gelesen? Ist es für Ihre Inszenierung wichtig?
Ich muss sagen, dass für meine Arbeit die Novelle Die letzte am Schafott von Gertrud von le Fort wichtiger war. Ich mochte sehr den Ton, den diese Novelle verwendet, in dem sie eher das Narrativ einer journalistischen Berichterstattung verwendet und so eine Distanz zu dem Grauen herstellt.
Was sind Ihre Inszenierungsentscheidungen? Ist Ihre Vision dem Werk treu oder dekonstruiert sie es?
Ich glaube, es gibt etwas zwischen treu ergeben und Dekonstruktion. Zuallererst ist da die Musik, die ist am Anfang das Wichtigste, und dann erst gehe ich tiefer in die Geschichte hinein. Ich bin immer sehr bei den Figuren des Stückes – und ich schaue natürlich: Was sagt uns heute dieses Stück noch? Was interessiert oder triggert mich, was muss dringend erzählt werden, welche Figur wächst mir sofort ans Herz und was ist das für eine Welt, in der sie kämpfen müssen? Hier ist sehr viel Kampf, Ausgeliefertsein, aber auch Mut und Liebe der Inhalt. Es ist ein Stück, das komplett ohne Liebesgeschichte auskommt, aber doch sehr viel über Vertrauen und Nähe und somit über Liebe erzählt – und zwar unter Frauen. Das ist die eine der wenigen Opern, die fast nur aus weiblichen Darstellerinnen besteht. Ich habe Jahre darauf gewartet das inszenieren zu dürfen.

Was sind Ihre Entscheidungen in Bezug auf Zeitlichkeit, Kostüme, Bühnenbild usw.
Es ist wichtig, dass in der Außenwelt eine instabile Situation stattfindet. Das muss aber nicht per se die Französische Revolution sein, es kann auch ein Bürgerkrieg von heute sein. Unsere Welt ist gerade so instabil, und ein Blick in die USA oder einen der anderen Staaten, die gerade von kriminellen/faschistoiden Männern gekapert werden, lassen einen ahnen, dass so ein Bürgerkrieg jede Minute möglich ist. Die Nonnen sind immer Nonnen, so auch bei uns. Aber das, was unter dem Habit steckt, und was wir im zweiten Akt dann auch sehen dürfen – wer sind diese Frauen eigentlich gewesen, bevor sie ins Kloster gingen und optisch gleich wurden? – ist interessant. Sie sterben ja auch als Bürgerinnen und nicht als Nonnen. Wir haben das Stück optisch etwas näher an uns herangezogen. Zu Bühne und Kostüme sage ich nur so viel, dass mich die Judikative sehr interessiert hat, die immer noch arbeitet wie ein Krake, dem man den Kopf abgeschlagen hat. Ein Gerichtssaal bleibt immer ein Gerichtssaal, nur die, die Recht oder eben auch Unrecht sprechen, wechseln. Dem Ort ist das egal. Ohne Rechtsprechung gibt es keine Zivilisation. Wenn auf einmal die Verbrecher, die eigentlich vor Gericht gehören, auf der Richterbank sitzen und Justitia nicht mehr blind ist, sondern nur noch Hass regiert, ist Demokratie am Ende. In meiner Heimatstadt Frankfurt steht auf dem Platz vor dem Römer ein Brunnen mit der blinden Justitia. Als Kind habe ich lange nicht verstanden, warum sie blind ist. Ich dachte: Sie muss doch sehr genau hinsehen um Recht zu sprechen. Bis ich verstanden habe, dass Blindheit im Sinne des Rechts Unparteilichkeit symbolisiert – alle sollen gleich sein vor dem Gesetz, unabhängig von ihrer Identität und ihrem sozialen Status. Genau das, was die Französische Revolution gefordert hat: ‚Egalité‘. Aber ganz schnell waren dann manche gleicher als gleich. Und innerhalb von ein paar Jahren wird diese Justiz zur Schreckensherrschaft, sie verdreht sich ins Gegenteil. Die Revolutionäre haben das Wort Humanität vergessen und geglaubt, mit Fraternität wäre das abgegolten, haben dabei aber die Hälfte der Menschheit vergessen: die Frauen. Das Gericht steht nicht mehr für Gerechtigkeit, sondern nur noch für Schrecken. Totalitäre Herrscher haben das schon immer so gemacht. Sie setzen das Recht gegen ihr eigenes Volk ein und nehmen sich selbst aus der Rechtsprechung heraus. So werden sie zu unangreifbaren Personen, siehe Putin, Stalin, Erdoğan, Trump etc. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie.
Das Gericht ist ein zentraler Ort für uns, und wir spielen mit Zeitsprüngen und Rückblicken.
Wie erklären Sie sich den Erfolg dieser Oper aus dem Jahr 1957? Was haben diese Karmelitinnen einem Publikum im Jahr 2025 zu sagen?
Die Musik ist einfach so unglaublich gut, jedes Wort ist auskomponiert, und das bei einer Textfülle wie bei einem Schauspiel. Und die letzten acht Minuten dieser Oper sind so wahrhaftig und atemberaubend schön und grausam, dass dieses Stück auch noch in hundert Jahren gehört und gesehen werden will. Ich versuche die letzte Frage in einen Satz zu packen: Die „Carmélites“ sagen uns, dass im Angesicht von kolossaler Ungerechtigkeit und Willkür Menschlichkeit die Geschichte überdauert – durch die Schönheit von Musik und weibliche Solidarität. Ausnahmsweise stehen einmal die Opfer im Zentrum und nicht ihre Mörder.
Im Badischen Staatstheater (Karlsruhe), am Samstag 24. und Mittwoch 28. Januar, am Freitag den 6. und Sonntag den 15. Februar, Mittwoch den 11., an den Samstagen 14. und 21. März, am Freitag den 3. April und Donnerstag den 7. Mai
staatstheater-karlsruhe.de
