Die Macht der Liebe oder 1984
Im Irrsinn der Dystopie verbirgt sich die wahre Utopie: Theatermacher Luk Perceval erklärt die Liebe zur Gegenmacht der Machtlosen. Das Berliner Ensemble zeigt seine hochgelobte Bühnenbearbeitung von George Orwells Roman 1984.
Von Michael Magercord
Ein Zahlentausch steht für Zukunftsszenarien der düstersten Art: im 48. Jahr des 20. Jahrhunderts schrieb Orwell seinen Zeitroman über die Erfahrung aus den 40er Jahre und verlegte die Handlung ins 84. Jahr. Drei Großreiche liegen im Dauerkrieg, ihre Bevölkerungen unterliegen der totalen Überwachung – und Propaganda. Die Macht setzt sich in den Köpfen fest, indem sie nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit bestimmt. Nicht die Gräueltaten allein sind das Erschreckende am Totalitarismus, sagte George Orwell 1944, sondern sein Angriff auf die objektive Wahrheit. Über die Geschichten aus der Geschichte gilt es zu herrschen, will man die Köpfe beherrschen. Und welcher Kopf könnte von sich behaupten, vor diesem Zugriff wirklich gefeit sein? In der Neuübersetzung von Frank Heibert, die als Vorlage für diese Inszenierung dient, geht es um unsere Köpfe. Wenn sich die totalitäre Geschichte darin erst einmal eingenistet hat, braucht es keinen Big Brother mehr. Der Überwachungsstaat auf der Bühne ist eine doppelte, spitz zu laufende Spiegelwand. Winston Smith, der orwellsche Protagonist des Widerstandes, wird gleich von vier Schauspielern in grauen Einheitsanzügen verkörpert. Ihre kahlen Köpfe spiegeln sich wider und wider. Köpfe, wohin man schaut, die doch nur ein einziger sein sollen. Was geht in ihm vor? Die vier Winstons übernehmen die verteilten Rollen des inneren Widerstands, der mal ängstlich, mal wütend, mal mutig, mal verzweifelt um Haltung ringt. Was unmöglich wird, als er erfahren muss, dass sogar die Untergrundorganisation, der er sich angeschlossen hatte, ein Teil des perfiden Systems ist, das alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt sehen will.
Winstons Kopf ist der Theatersaal. Selbst noch in der Folterkammer, wo keine Peiniger zu sehen sind und alle vier durcheinanderreden, spricht der Gepeinigte zu uns, den Zuschauern. Wir, die bei seiner Quälerei zuschauen, sind Big Brother – und gruseln uns vor unserer Hilflosigkeit. Was nutzt es, wenn wir, wie so oft, bloß zuschauen können? Julia, die Geliebte und Liebende, zeigt den Ausweg. Sie tritt ebenfalls vierfach auf, spricht aber mit einer Stimme. Auch, als sie sich gestehen, sich unter der Folter gegenseitig verraten zu haben. Doch im Gegensatz zum Roman wird die absolute Macht die beiden nicht entzweien. Die Kraft der Liebe ist der Widerstand gegen Misstrauen, Irrsinn und Schmerz. Im Theater darf gehofft werden, dass Angst und Hass nicht mehr die ins Unendliche gespiegelten Köpfe bestimmen wird. Gesellschaftskritik geht anders, dieses 1984 lässt Raum für den Blick in die Zukunft, der die Vergangenheit genommen werden soll. Ein erneuter Zahlendreher und aus unserem 26. Jahr im 21. Jahrhundert wird sein 62. – und dann? Wird man den Roman oder doch lieber diese Bühnenfassung zu seiner Utopie in der Dystopie machen?
Im Grand Théâtre (Luxembourg) am Donnerstag den 26. und Freitag den 27. März
theatres.lu – berliner-ensemble.de



