Political pictures: Katharina Sieverding im Museum Frieder Burda

Katharina Sieverding STEIGBILD X 1997 Farbfotografie, Acryl, Stahlrahmen 300 x 375 cm 3-teilig, je 300 x 125 cm © Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst Bonn 2021 Foto: © Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Bonn 2021

Mit Die Sonne um Mitternacht schauen, zeichnet das Museum Frieder Burda den außergewöhnlichen Parcours der Photographin Katharina Sieverding nach.

Vollständig in schwarz gekleidet, von den Cowboystiefeln bis zur Brille, erinnert Katharina Sieverding (geboren 1944) an eine Ikone der Seventies, die sich ins 21. Jahrhundert verirrt hat. Ihre Werke sind nicht weniger hyper-aktuell… Flashback, Salzburg, 1967. Jene, die damals vom Gesamtkunstwerk1 Oper fasziniert war – sie hat mehr als 600 Kostüme für Le Prophète von Meyerbeer an der Deutschen Oper in Berlin im Jahr 1964 entworfen – arbeitet für eine Produktion der Zauberflöte. Ein Artikel, der vom Tode Benno Ohnesorgs2 berichtet, ist ein Schock, nachdem sie sich dazu entscheidet mit allem aufzuhören um sich in die Klasse von Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf einzuschreiben: „Ich wollte selbst etwas machen, anstatt die Arbeit der anderen zu interpretieren. Ich wollte auch zu den sozialen und politischen Fragen beitragen, und ich wusste wer mir dabei helfen konnte“, fasst sie zusammen. Als Pionierin der Photographie, deren Rahmen sie sprengt, denkt sich die Künstlerin Mitte der 1970er Jahre gigantische Kompositionen aus. Zehn darunter bevölkern das Erdgeschoss des Museums: „Man hat das Gefühl von Kinoleinwänden. So als ob es möglich sei, zehn Filme gleichzeitig zu sehen“ amüsiert sie sich. Ihre kolossalen Werke, die Texte, ihre eigenen Photographien – darunter Selbstportraits – und Bilder aus Filmen und Zeitungen vermischen, sind auch politische Stellungnahmen: Kritik der Abhängigkeitsbeziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Puerto Rico, Hervorhebung der Rolle des butō im Kampf der japanischen Gesellschaft gegen die Amerikanisierung in den sechziger Jahren, voraussehende Überlegung zur Rolle Chinas in Afrika…


Genauso politisch ist das Zwischengeschoss, mit zehn großformatigen Schwarz-weiß-Abzügen, die jeweils aus vier Titelbildern des Wochenmagazins Der Spiegel, gebildet werden, Gegenüberstellungen – Obama, Ben Laden, Putin und Ahmadineschād, zum Beispiel – welche den Umgang mit Informationen behandeln und indirekt die Versuche der Medien die öffentliche Meinung zu modellieren. In der obersten Etage entfalten sich, neben Life-Death – einem Film von 1969, der vom feministischen Engagement der Künstlerin zeugt – Werke von radikaler Ästhetik wie Kontinentalkern 0/XVII/80, ein verträumtes Röntgen-Bild von drei auf fünf Metern, mit starken Verführungen in rot und schwarz. Im jüngsten und fast abstrakten Gefechtspause II, stellt Katharina Sieverding eine Überlebung zu den internen Spannungen in China und den USA an, vor dem Hintergrund von Covid-19 und dem Tod von Georges Floyd. In der Mitte des Saals thront ein kleiner Monitor. Von weitem sieht man einen roten Punkt. Wenn man sich ihm nähert kann man in Die Sonne um Mitternacht schauen eintauchen, das mit einem riesigen blauen Avatar in einen Dialog tritt, der auf die Fassade des Museums projiziert wird. Auf der Basis von 200 000 Satelliten-Aufnahmen der NASA, handelt es sich um ein „Portrait“ der Sonne, das zeitgenössische soziale und ökologische Fragen aufwirft.


Im Museum Frieder Burda (Baden-Baden), bis 9. Januar 2022
museum-frieder-burda.de

1 Totales Werk, ästhetisches Konzept der deutschen Romantik
2 Deutscher Student, der während der Demonstrationen gegen den Staatsbesuch des iranischen Schahs von der Polizei getötet wurde, ein Ereignis, das ein Auslöser der sozialen Bewegungen im Mai 1968 war

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