Das verblüffende Universum des Photographen Vincent Munier
Natur im Fokus der Kunst – ein Dialog zwischen alten Gemälden oder Gravuren und zeitgenössischer Photographie – und Der Gesang der Wälder: In Straßburg laden zwei Ausstellungen, die Vincent Munier gewidmet sind, zur Entzückung ein und stellen unsere Beziehung zur Welt infrage.
Der Tierphotograph aus den Vogesen, mehrfacher Preisträger des Wildlife Photographer of the Year – des Oscars der Gattung –, Vincent Munier, ist dem breiten Publikum seit Der Schneeleopard bekannt, seinen Abenteuern in Tibet mit Sylvain Tesson. Uns gegenüber, gibt er im Cinéma Star in Straßburg lächelnd zu, wo er den sensiblen Film Le Chant des forêts als Voraufführung präsentiert, dass er die wilden Weiten den Ausstellungssälen vorzieht: „Es kommt vor, dass ich schimpfe, wenn ich die Massen sehe, die die Museen besuchen, während sie die Kunstwerke des großen Draußen ignorieren!“, wirft er ein. Nichtsdestotrotz hat er mit Enthusiasmus auf die Einladung des Musée des Beaux-Arts (mit Bezug zur Wiedereröffnung des Musée zoologique), geantwortet, indem er Photographien mit rund zwanzig Werken aus den Sammlungen des Straßburger Netzwerkes in einen Dialog stellt und sich eine originelle Hängung ausdenkt, die auf ästhetischen, formellen und poetischen Parallelen beruht. Das Ziel? Dem Besucher einen kontemplativen Spaziergang zu bieten, unterstützt von der immersiven Inszenierung des Atelier Aile2, das Gerüche und Klänge des Waldes einfügt.
Poesie
Für Vincent Munier, ist es möglich eine Parallele zwischen dem Ansitz – einer Kunst, die er bestens beherrscht, welche darin besteht sich in die Natur einzufügen um ihre Schönheit einzufangen – und dem Museumsbesuch zu ziehen. „In beiden Fällen geht es darum sich Zeit für die Entdeckung zu nehmen. Wir haben alle ein Bedürfnis nach Betrachtung. Aktuell sind wir mit einer Krise der Sensibilität konfrontiert: Man sieht die Dinge nicht mehr genug an. Wir gewöhnen uns an eine gewisse Mittelmäßigkeit, manchmal sogar an die Hässlichkeit. Darum brauchen wir dringend schöne Bilder“, erinnert er. So öffnet die Ausstellung mit einer majestätischen Wald-Photographie, die mit einem Gemälde von Claude Gellé, genannt Le Lorrain, im Gespräch ist, der ebenfalls aus den Vogesen stammt. Ein Echo, das erstaunliche Ähnlichkeiten enthüllt, in der Behandlung des Lichts, der Kontraste und des Gegenlichts. Im folgenden Saal die Stämme und Felsen von Théodore Rousseau, die mit der Aufnahme eines Eurasischen Luchses in Einklang treten. Später, das von Gustave Doré gemalte Unterholz, das eine poetische Überlegung mit einem großen Raben eingeht, während mehrere Vogelarten dem beeindruckenden Vogelbild eines anonymen Künstlers aus dem 17. Jahrhundert gegenübergestellt werden. Es ziehen auch Schneeleoparden vorbei, ein Uhu, eine lappländische Eule, Kaiserpinguine, Rothirsche, ein Auerhuhn, wilde Rentiere… Die Nebel der Dämmerung, die Effekte der Unschärfe sowie die Schwarz-Weiß-Ästhetik skizzieren ein Universum in dem die Tiere – noble und empfindliche Kreaturen – wie flüchtige Präsenzen eingefangen sind. Diese Gegenüberstellung der Blickwinkel hebt ebenfalls die starke Verbindung der Künstler der vergangenen Jahrhunderte zur Natur hervor.
Pracht
„Die Schönheit ist da, vor unseren Augen“, setzt Vincent Munier fort, der sich – obwohl er sich vom Naturphilosophen Robert Hainard inspirieren ließ – mehr als Handwerker denn als Künstler sieht: „Ich habe nicht den Eindruck etwas zu kreieren, sondern eher einen Blick auf das zu richten, was existiert, auf Werke, die jene der Natur sind“, fasst er zusammen. Als Autodidakt sagt er, dass er alles draußen gelernt hat, vor Ort: „Vielleicht ist es eine Chance kein Kunststudium oder keine Photographie-Schule besucht zu haben. Ich fürchte Formatierung. Meine Regel besteht darin, dass es keine Regel gibt. Ich versuche eine Emotion zu vermitteln, die Schönheit der Natur zu zeigen, ihr Mysterium und ihre Stärke. Genauer gesagt, denke ich, dass meine Arbeit darin besteht die Poesie der Wildnis wiederzugeben und die Schönheit von all dem zu verehren, was nicht menschlich ist.“ Im vorletzten Saal, eine Auswahl von minimalistischen Photographien, die bei Schneewetter geschossen wurden „kleine Tiernoten in einer weißen Wüste.“ Im Herzen dieser großen Weiten bewegen sich Moschusochsen, ein Polarhase und ein Polarwolf, ein Hermelin, eine Pallaskatze, ein Eisbär oder auch eine Schnee-Eule. „Meine Photos haben sicher eine militante Seite“, gibt unser Mann zu. „Ich bin traurig darüber, festzustellen, dass wir so wenige sind, die Empathie für das Nicht-Menschliche haben. Die große Herausforderung liegt meiner Ansicht nach darin, das Lebende nicht nur als Ressource für den Menschen zu sehen, sondern als ein Gemeingut“, setzt dieser „ewig Begeisterte“ fort, der daraus das Substrat seines aktuellen Films Le Chant des forêts (Premiere am 17.12.2025) gemacht hat, der von Überlieferung handelt und im Zentrum der Ausstellung im Sitz der Région Grand Est steht. Es wird gezeigt, dass die Natur nicht nur ein Spektakel ist, sondern vor allem ein geteiltes Leben. „Ich will die Leute dazu anregen besser hinzuschauen und dabei gleichzeitig zu akzeptieren, dass jedem ein imaginärer Teil gelassen wird. Denn wer schaut, muss seinen eigenen Weg gehen“, sagt Vincent Munier abschließend.
Im Musée des des Beaux-Arts (Straßburg) bis 27. April und im Sitz der Région Grand Est (Straßburg) bis 27. Februar
musees.strasbourg.eu – grandest.fr









