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Endlich unendlich vernünftig oder Victory im Sonnengruß

Probenphoto © Theater Trie

Im Jahre 2064 auf dem Raumschiff Erde: Was die Menschen vierzig Jahre zuvor noch  die „Künstliche Intelligenz“ nannten, hat endgültig die Steuerung übernommen.  Zumindest im Theaterstück Victory im Sonnengruß von Deborah von Wartburg.

Von Michael Magercord 

Covid-19 war eine Menschheitsprüfung. Alle Menschen waren ihr ausgesetzt. Auch jene, die gar nicht erkrankt sind. Denn ein jeder sah sich in seine unmittelbare Lebenswelt zurückgeworfen und musste darin klarkommen. Die junge Journalistin Deborah von Wartburg behalf sich mit Yogaübungen und begann, mit dem Sprachassistenten zu sprechen, der ihr in ihrer Züricher Wohnung zur Seite stand – und dabei reifte die Idee, ihre Erfahrung zu einem Theaterstück zu formen, das über die Coronazeit hinaus auf die kommende Menschheitsprüfung weist, die jedem Menschen bald bevorsteht. Wie ist es um die Prüflinge bestellt? Menschen sind hilflos, ohne ihre Technik könnten sie keinen Tag auf ihrem Planeten überleben. Menschen sind schlau, sie erfinden unglaubliche Dinge, sogar eine berechnende Technik, die sie als „Künstliche Intelligenz“ bezeichnen. Menschen handeln aber völlig irrational, denn aus all ihren technischen Möglichkeiten machen sie nichts dauerhaft Vernünftiges. Sie kriegen ihre Gefühle und Machtbesessenheit einfach nicht in den Griff. Und irgendwann im Jahre 2035 hat die emotional unreife Menschheit so viel Mist gebaut, dass es der KI genug wurde und sie die Macht übernahm.


Auf der Bühne sind seitdem weitere dreißig Jahre vergangen. Die Superintelligenz arbeitet in eiskalter Berechnung vernünftige Systeme aus, reduziert Demokratie auf binäre Ja-Nein-Entscheidungen über ihre Vorschläge und regelt alles Weitere. Und siehe, endlich obwaltet im ganzen Land die Vernunft! Und in jeder Wohnung. Denn dort verbringen die meisten Menschen ihren lieben langen Tag in Sicherheit vor den Unwägbarkeiten der Welt da draußen. Das geht, weil die KI für das vernünftigste aller Sozialsysteme gesorgt hat: das bedingungslose Grundeinkommen. Das wurde zwar unter den Menschen schon lange diskutiert, zu dessen Umsetzung sind sie selbst aber nicht in der Lage. Und in ihren komfortablen Heimen sorgen digitale Assistenten für kerngesunde Ernährung und spornen zum Yoga an bis zum ewigen Sonnengruß. Dieses Szenario inklusive Yoga bis zum Überdruss ist der Corona-Erfahrung der Autorin geschuldet. Trotzdem taugt es bestens dazu, sich in eine Zukunft mit vernünftigen Algorithmen hineinzuversetzen – und in den Widerstand, der sich gegen ihre Übermacht regt. Im Theater übernimmt ein Avatar namens Victory die Führung der Aufmüpfigen, der ausgerechnet von einer Werbeagentur in die heile Welt gesandt wurde, um wieder für Gefühlswallungen unter den Menschen zu sorgen. Marie und ihr Team wollen die Demokratie „wiederbeleben“, „Freiheit“ heißt die Losung – wie schon in jenen unseligen Zeiten, als noch der Meinungspopulismus herrschte… Wie wird sich der Prüfling Mensch in diesem Ringen, das an den großen Fragen unserer Zeit nach Selbstbestimmung, Manipulation und der Macht der Gefühle rüttelt, schließlich schlagen? Erste Ergebnisse werden unter der Regie von Konstanze Kappenstein präsentiert.


In der Europäischen Kunstakademie (Trier) am 23., 25., 28. und 30. April sowie am 3., 6., 8., 10., 16., 20., 27. und 28. Mai 
theater-trier.de

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