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Thomas Bernhards Vor dem Ruhestand im Schauspiel Stuttgart

Martin Kušej © Kranjec Ducheyne

Eine Zeitreise in die eigene, gar nicht so ferne Theatergeschichte unternimmt das Schauspiel Stuttgart mit der Neuinszenierung von Thomas Bernhards Vor dem Ruhestand durch den kärntner-slowenischen Regisseur Martin Kušej.

Von Michael Magercord

Skandal auf der städtischen Bühne, die Regierungspartei im Bundesland drängt auf Konsequenzen, der Theaterdirektor verlässt die Stadt… Wir schreiben Juni 1979, die Stadt ist Stuttgart und das Stück trägt den lapidaren Titel Vor dem Ruhestand. Autor ist der Österreicher Thomas Bernhard, dessen jüngstes Werk einmal nicht die Untiefen der Geschichte seiner Heimat auslotet, sondern das bundesdeutsche Verhältnis zur NS-Vergangenheit. Auf der Bühne feiert Rudolf Höller den Geburtstag von Heinrich Himmler. Jedes Jahr dasselbe: zu Beethovens Fünfte schwelgt der ältere Herr in SS-Uniform mit seiner Schwester Vera von den alten Zeiten. Aber nur im stillen Kämmerlein, würde doch das Wissen um seine Vergangenheit den bundesdeutschen Gerichtspräsidenten noch um seine Pension bringen, so kurz vorm Ruhestand. Das Schweigen wird von der kleinen Schwester in die Wohnstube getragen. Clara hält still, wenn beim Betrachten des Fotoalbums aus Auschwitz die Erinnerung an die eigenen Kriegsverbrechen ansteht. Einst Sozialistin ist nun Schweigen ihre Waffe gegen ihre verhassten Geschwister. Die schreiende Stille erzürnt Bruder Rudolf so sehr, dass er in seiner Wut einen Herzanfall erleidet und stirbt.

Allen drei Figuren ist eine Rolle zugedacht, die die NS-Zeit widerspiegeln: Rudolf, der Verbrecher; Vera, die Mitläuferin; Clara, die innere Widerständlerin. In der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ließ sich ihre Verkörperung schnell finden. Der Sturz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger im Sommer 1978 über Todesurteile, die der Marinerichter in den letzten Kriegswochen aussprach, veranlasste Thomas Bernhard zu seiner Komödie von deutscher Seele. In Stuttgart erfolgte die Uraufführung, Regisseur Claus Peymann war zuvor zum Rückzug als Intendant am Schauspielhaus gezwungen. Eine Spende für die Zahnbehandlung einer inhaftierten RAF-Terroristin ließ ihn für die regierende CDU im Ländle untragbar werden. Diese letzte Stuttgarter Inszenierung war seine Botschaft an den Ruheständler Filbinger. Fast fünfzig Jahre verwundert die Aufregung, die ein Theaterstück erzeugen konnte. Ob sich die bürgerliche Erregung auf andere Bühnen verlegt hat? Die Voraussetzungen, dass diese erneute Aufführung darüber grübeln lässt, sind denkbar gut: Ihr Regisseur Martin Kušej musste vor einem guten Jahr sein Posten als Direktor am Wiener Burgtheater räumen. Einerseits eckte der Kärtner Slowene bei der konservativen Politik an, andererseits wird ihm von der örtlichen Kritik „Unbeweglichkeit“ nachgesagt. Bekannt sei Kušej für seine kompromisslose und gesellschaftskritische Ästhetik, heißt es nun in der Vorschau auf seine Neuinszenierung. „Bei mir sind die Menschen oft von Anfang an determiniert, Entwicklung interessiert mich weniger“, bekennt der Regisseur. Thomas Bernhard wiederum sagte über seine Figuren: „Ich habe das Gefühl, dass ich und alle anderen mit allen verwandt sind, und dass auch ein Filbinger in mir ist wie in allen anderen.“


Im Schauspielhaus Stuttgart am 21. und 22. Februar und am 5., 13., 19. sowie 29. März
schauspiel-stuttgart.de

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